Eine anarchistische Kritik am "Postanarchismus"

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Dies sind kritische Thesen zum Begriff "Postanarchismus" und zu den dahinter stehenden Sichtweisen (siehe - http://www.postanarchismus.net/ -) aus der individuellen Sicht eines Anarchisten, der schon lange mit poststrukturalistischer Theorie arbeitet.

Zuerst vieles, was an weitergehenden Analysen im Anarchismus von Seiten der "PostanarchistInnen" eingefordert wird, z.B. bzgl. der Kritik von Identitätspolitiken und der feministischen Kritik, teile ich.

Wichtige Kritiken, die von der poststrukturalistischen Theorie mit eingebracht wurden sind z.B.;

- Die Erkenntnis, daß das bürgerliche Subjekte in dieser Gesellschaft vermachtet ist, selbst Produkt der Machtverhältnisse ist.

Dies zu erkennen ist wichtig, um Herrschaftsverhältnisse wie Rassismus oder Heterosexismus zu begreifen. Gleichzeitig ist aber, aus anarchistischer Sicht, wichtig nicht zu vergessen, daß es in jedem Subjekt auch nicht bürgerliche Anteile gibt (z.B. aus der Selbstdefinition über Handlung, Praxis).

- Die Erkenntnis, daß Macht sich dezentralisiert.

Aber auch hier sollte aus anarchistischer Sicht nicht vergessen werden, daß es auch die zentralisierte Macht weiter gibt.


Ein stärkeres Aufgreifen poststrukturalistischer Theorie im Anarchismus ist wünschenswert um Macht und Herrschaft besser zu begreifen, als Vorraussetzung um sie erfolgreich zu bekämpfen.
Aber sowohl den Begriff "Postanarchismus" als auch die dahinter stehenden Theorien halte ich für falsch zugespitzt.


Dazu einige Thesen;


1) Der Begriff "Postanarchismus" ist höchst problematisch.

2) Anarchie bzw. Anarchismus ist für mich keine Theorie, als viel mehr eine Utopie/Idee und eine Praxis. Die anarchistische Theorie ist ein Ergebnis dieser Praxis und insofern nichts festes. Anarchistische Theorie muß sich immer weiterentwickeln mit der Praxis und mit der Weitentwicklung der anarchistischen Utopie/Idee/Ziele.

3) Anarchistische Theorie ist die Diskussion über die Möglichkeiten der Umsetzung auf Grund der praktischen Erfahrung und theoretischer Analyse. In diesem Sinn ist die poststrukturalistische Theorie sinnvoll aufgreifbar, als ein Werkzeug unter anderen, aber ich sollte den Hammer nicht entscheiden lassen, wo ich ein Bild aufhänge.

4) Die These, daß es kein Außerhalb der Macht gibt halte ich für grundsätzlich falsch! Die Stärke des Anarchismus beruht gerade darauf immer wieder auf die aus den herrschenden Diskursen ausgeschlossenen Ideen und Praxen zu rekurrieren. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, es gibt überall ein Außerhalb der Macht (und überall ein Innerhalb), die Widerspruchsverhältnisse und Ungleichzeitigkeiten gehen quer durch die Menschen und Verhältnisse durch.

5) Michel Foucault und einige andere poststrukturalistische Theorien haben viel dazu beigetragen Herrschaftsverhältnisse, wie z.B. Sexismus und Rassismus, die wesentlich über ihre Einschrift in die Subjekte (re)produziert werden, genauer zu begreifen. Für andere Bereiche, z.B. kapitalistische Ausbeutung, halte ich mit Einschränkungen die Nutzung Michel Foucaults zum Teil für problematisch (z.B. Teile der Gouvernementalitätansätze). Ich denke, wichtig wäre es, die verschiedenen Ansätze, Foucault / Repressionsansatz, in ihrer Wechselwirkung zusammenzudenken.





Jörg Djuren









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Zuletzt aktualisiert 30.04.2016












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Eine anarchistische Kritik des Post-Anarchismus

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